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Digitale Teilung oder Heilung: Was bringt die Informationsgesellschaft?
Attac-Presseerklärung zum WSIS
Die Welt ist geteilt: in Arm und Reich, Nord und Süd, Schwarz
und Weiß. Aber sie ist es nicht mehr lange, denn nun wird die moderne Kommunikationstechnik
sie zusammenführen! Schon ist vom „Verlust des Raumes“ die Rede. An welchem
Ort man lebt, soll künftig keine Rolle mehr spielen. Die Freiheit im Internet
lässt viele von einer herrschaftsfreien Gesellschaft träumen, und durch die
digitale Kopie wird Wissen endlich von materiellen Trägern getrennt und damit
für alle verfügbar: das Netz als globales Hirnstübchen. Warum sich also weiter
sorgen um eine Teilung der Welt, etwa in Form der „Digital Divide“?
Verfolgt man die Verhandlungen zum im Dezember in Genf stattfindenden
WSIS, dem World Summit on the Information Society, der eine politische Bereitschaftserklärung
und einen Aktionsplan zum Ergebnis haben soll, so kann man feststellen, dass
Regierungen und Wirtschaft tatsächlich zur informationstechnischen Aufrüstung
willens sind. Sie haben sich ehrgeizige Ziele gesetzt und wollen in privatöffentlichen
Partnerschaften die Informationsarmut bis 2010, 2015, 2020 bekämpfen. Kein Wunder,
denn es geht um neue Märkte für Telekommunikationsinfrastruktur und -dienstleistungen,
und auch das, was bald weltweit über die Schirme flackert und im Radio singt,
bedeutet bares Geld. „Wissen ist verwertbar“, heißt die neue Glücksbotschaft
und so wird gerade verknappt, was eigentlich im Überfluss vorhanden ist.
Vielleicht also doch eine weitere Teilung der Welt? Nun auch
noch in Wissende und Unwissende, Rechteinhaber und Rechteverletzer, Verwerter
und Konsumenten? Ganz sicher ja, solange Wissen fast uneingeschränkt patentierbar
bleibt und damit weiter privatisiert wird. Stichworte sind Pharmapatente, Sortenschutz
für Saatgut oder die Patentierung von Software. Auch dann, wenn die Konzentrationsprozesse
in der Medienlandschaft andauern (ironischerweise wird die EU beim WSIS durch
Italiens Ministerpräsident und Medienzar Silvio Berlusconi vertreten).
Die Teilung in Habende und Nichthabende wird durch die Privatisierung
öffentlicher Güter (staatliche Datenbanken, öffentlich finanzierte Forschungsergebnisse
oder Rundfunkfrequenzen) weiter vertieft. Und wenn das Internet nicht mehr unabhängig
verwaltet werden sollte oder es wegen staatlicher Sicherheitsinteressen zur
Einführung von Zensur und zu Verboten kommt, wären auch im Netz endlich glasklare
Herrschaftsverhältnisse geschaffen. Eine ungeteilte, mithin gerechte Weltinformationsgesellschaft
kann es nur geben, wenn für mehr als nur die technischen Voraussetzungen globaler
Kommunikation gestritten wird: für die Substanz einer solchen Gesellschaft,
nämlich gleichen Zugang, kulturellen Pluralismus und demokratische Kontrolle!
NGOs und Bewegungen, die diese Werte vertreten, stellen sogenannte
Communication Rights ins Zentrum ihrer Forderungen. Als Bündel von Menschenrechten
sollen sie allen eine aktive Teilhabe an Kommunikation sichern, das heißt die
Möglichkeit, sich mit Hilfe moderner Medien frei und umfassend auszudrücken.
Maßnahmen, die diesen Rechten zur Wirksamkeit verhelfen könnten sind u.a. die
Schaffung autonomer Netzwerkstrukturen, offener Kanäle und Community Medias;
die Förderung lokaler Inhalte; der Schutz indigenen Wissens und die Einschränkung
oder Abschaffung Geistiger Eigentumsrechte. Insgesamt geht es um eine Entwicklung
hin zu horizontalen, das heißt nicht hierarchischen Kommunikationsformen (siehe
freie Softwareentwicklung) und eine faire Verteilung von Wissen.
Wer wie diese Bewegungen und NGOs auf Fragen wie: „Wem gehört
Wissen?“ oder: „Wer kontrolliert das Netz?“ eine Antwort sucht, der sollte sich
jetzt bei Attac für eine gerechte und inklusive Informationsgesellschaft einsetzen.
Wir wollen den WSIS nutzen, um die Debatte zur Informationsgesellschaft zu politisieren
und in die Öffentlichkeit zu tragen. Ein Schwerpunkt wird dabei die Teilnahme
am WSIS Gegengipfel Anfang Dezember in Genf sein.
Nikolaus von Peter
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