Freie Software
Das Internet macht ein neues Modell bei der Programmierung von Software praktisch
erst möglich. Zahlreiche Menschen arbeiten meistens in ihrer Freizeit zusammen
an Projekten der freien Software. Was aber ist eigentlich freie Software? Um
diese Frage zu klären, müssen wir kurz erläutern, wie Software
geschrieben wird. Software ist eine Reihe von Anweisungen, die sich an einen
Computer richten. Menschen schreiben diese Anweisungen in einer für sie
verständlichen Programmiersprache wie C++, Fortran, Visual Basic oder
Java. Dieser Quellcode muss jedoch durch ein so genanntes Compilerprogramm
in einen maschinenlesbaren Objektcode »übersetzt« werden, damit
die Befehle vom Computer ausgeführt werden können. Dieser Objekt- oder
Binärcode ist für Menschen nicht
oder nur unter großen Schwierigkeiten verständlich. Aus dem Objektcode
lässt sich aber nur mit großen Anstrengungen eine Näherung
des ursprüngliche Quellcodes rekonstruieren. Proprietäre Software,
wie z.B. Microsoft Windows, wird nur im Objektcode veröffentlicht. Der Quellcode
von Windows ist grundsätzlich für niemanden außerhalb von Microsoft
zugänglich. Das Prinzip der freien Software besteht hingegen darin, immer
auch den Quellcode zu veröffentlichen, sodass UserInnen die Möglichkeit
haben, diese Software ihren eigenen Bedürfnissen anzupassen (Grassmuck
2002: 233f.). Hiermit knüpft die freie Software an ein Prinzip an, das bereits
in der Anfangszeit der Computerisierung beachtet wurde: Software wurde damals
im Quellcode weitergegeben. Als sich diese Tradition auflöste, startete
Richard Stallmann 1984 das GNU-Projekt. Sein Ziel war es, zusammen mit anderen
ein völlig freies Betriebssystem zu entwickeln um hierdurch der zunehmenden Schließung von Software etwas entgegen zu setzen. Die von ihnen entwickelten
Programme wurden unter der neugeschaffenen GNU General Public
Licence (GPL)veröffentlicht. Unter dieser Lizenz haben die UserInnen folgende Rechte:
- Zugang zum Quellcode;
- Freiheit, die Software zu kopieren und sie weiterzugeben;
- Freiheit, das Programm zu ändern;
- Freiheit, das veränderte Programm weiterzugeben, allerdings nur bei
Einhaltung der Bedingungen 1 bis 3.
Insbesondere durch Regel 4 soll eine Aneignung
und Abschließung der von der Gemeinschaft entwickelten
Werke verhindert werden.
Ein Kernel, der grundlegende Funktionen wie die Dateisystemverwaltung
bereitstellt, wurde ab 1992 von dem damaligen finnischen Studenten Linus Torvalds
entwickelt, der ihn unter die GPL stellte. Das auf diesem Kernel aufbauende
Betriebssystem wurde später Linux genannt. In sog. Distributionen werden
Linux, zahlreiche Anwendungsprogramme und Installationsroutinen zusammengefasst.
Mit letzteren lässt sich Linux inzwischen ähnlich einfach installieren
wie Windows.
Freie Software wird im Allgemeinen nach einem grundlegend anderen Modell
entwickelt als proprietäre, d.h. geschlossene Software. Bei letzterer
sind bezahlte EntwicklerInnen in eine hierarchische Firmenstruktur eingebunden
und werden von Managern kontrolliert. Freie Software dagegen wird hauptsächlich
von zahlreichen Menschen in ihrer Freizeit entwickelt, die nicht dafür
bezahlt werden. Sie sind häufig über die ganze Erde verstreut und
kommunizieren per E-Mail oder IRC.
Primärer Antrieb ist für sie meistens nicht die Absicht, Geld zu
verdienen, sondern sie wollen häufig ein Problem bei der Arbeit und Forschung
lösen.
Daneben spielen auch die Freude am selbstbestimmten Programmieren und Anerkennung
unter den gleichgesinnten Mitgliedern der Entwickler-Community eine wichtige
Rolle (Möller 2001).
Freie Software ist ein Beispiel dafür, wie Softwareentwicklung und geistige
Arbeit allgemein unter idealen Bedingungen aussehen könnte. Der offene Quellcode
ermöglicht ständige
Verbesserungen und die ProgrammiererInnen können optimal voneinander lernen
und auf bisherigen Leistungen aufbauen. Es ist auch sehr einfach, Fehler in
der Software aufzuspüren und diese zu eliminieren. Diese Methode entspricht
in weiten Teilen den allgemein anerkannten Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens.
Der Marktanteil des Betriebssystems Linux ist in den letzten Jahren ständig
gewachsen und es gilt gegenwärtig als wichtigster Konkurrent für
Microsoft Windows. Es ist vielleicht auch kein Zufall, dass Linux ausgerechnet
in Finnland entwickelt wurde und sehr viele Beiträge zu Freie-Software-Projekten
aus Europa stammen. Denn es existierte hier ein relativ gut ausgebauter Sozialstaat,
und die Arbeitsbedingungen waren bisher vielfach gemäßigt. Mit dem
Abbau des Sozialstaates verschlechtern sich die Bedingungen für die Mitarbeit
in Freie-Software-Projekten deutlich. Die Beschäftigen müssen
jetzt für weniger Geld erheblich
länger arbeiten. Sie haben damit auch weniger Möglichkeiten, in ihrer
Freizeit zu Projekten der freien Software etwas beizutragen.
Diese Entwicklung macht den Fortschritt freier Software immer abhängiger
vom Engagement durch private Firmen, wo bezahlte ProgrammiererInnen eigene Beiträge
für Softwareprojekte liefern. Diese Firmen können so mit dem Monopolisten
Microsoft auf eine Weise konkurrieren, die mit einem eigenen, proprietären
Betriebssystem nicht möglich wäre. Noch höhere Gewinne ließen
sich aber mit proprietärer Software oder gar einem Monopol erreichen.
Deshalb ist die Versuchung für Firmen groß, sich die freie Software
anzueignen und sie ihrem geistigen Eigentum einzuverleiben. Dies kann z.B. durch
Softwarepatente geschehen.
Freie Meinungsäußerung
Das Internet erweiterte auch die Möglichkeiten der freien Meinungsäußerung
für Privatpersonen und kleinere Organisationen. Hier können sie ihr
im Grundgesetz verankertes Recht auf freie Meinungsäußerung auch tatsächlich
nutzen und Informationen einem weltweiten Publikum zugänglich machen.
Die aufzuwendenden Kosten sind minimal im Vergleich zum Kapital, das für
den Betrieb von traditionellen Medien aufgebracht werden muss. Auf diese Weise
wurden Zugangsbarrieren abgebaut, jeder Einzelne kann theoretisch nun ein großes
Publikum erreichen. Dieses Privileg war früher de facto nur wenigen reichen
Verlegern vorbehalten.
Neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit entstanden
durch Webseiten, z.B. die so genannten Wikis, an denen zahlreiche UserInnen
ohne HTML- Kenntnisse gemeinsam arbeiten können. Nach diesem Prinzip funktioniert
z.B. die Wikipedia. Sie
gilt weltweit als größte Enzyklopädie. Allein in der deutschen
Ausgabe sind im April 2005 bereits über
220.000 Artikel verfügbar, der Brockhaus, die umfangreichste deutsche
Enzyklopädie, hat in der aktuellen 21. Auflage
ca. 300.000 Artikel. Bei der Geschwindigkeit, mit der neue Artikel entstehen,
wird Wikipedia vermutlich im Jahr 2005 oder 2006 den Brockhaus eingeholt haben.
Alle Inhalte werden von tausenden Menschen in ihrer Freizeit geschrieben. Ähnlich
wie bei der freien Software geht dieses Modell davon aus, dass es unter den
vielen Millionen UserInnen immer auch ExpertInnen für die unterschiedlichsten
Wissensgebiete gibt, die ihr Fachwissen mit der Allgemeinheit teilen können.
Alle UserInnen können Artikel überarbeiten oder neue einfügen.
Dadurch soll erreicht werden, dass die Artikel einer Art von Peer-Review unterzogen
und auf diese Weise Fehler oder einseitige Darstellungen eliminiert werden.
Auch
Attac hat erheblich von den neuen Technologien des Internet profitiert. Das
extrem schnelle Wachstum wäre ohne die Webseite als wichtigster Anlaufstelle
für
Medien, AktivistInnen und potentielle Neumitglieder niemals möglich
gewesen.
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