Ein Argument, warum gegen die zunehmende Medienkonzentration und einseitige
Berichterstattung nicht eingeschritten wird, ist die Behauptung, dass das
Internet und die digitalen Medien diese negativen Tendenzen umkehren werden.
In diesem Kapitel soll gefragt werden, ob diese Annahme gerechtfertigt ist.
Im Unterschied zu anderen Netzwerken wie beispielsweise dem Telefonsystem ermöglicht
es das Internet, ständig neue und unbekannte Nutzungsformen zu entwickeln,
wenn diese nur die grundlegenden Protokolle zum Datentransport (TCP/ IP) beachten.
So entstanden 1972 die eMail, 1988 der IRC, 1989 das WWW und ab 1999 P2P-Netzwerke.
Aufgrund von Regulierungsentscheidungen und auch teilweise aufgrund des Netzwerkdesigns
ermöglicht es der Besitz der physikalischen Kommunikationsinfrastruktur
(Kabel und Router) gegenwärtig nicht, zu kontrollieren, auf welche Weise
kommuniziert wird
und welche Inhalte ausgetauscht werden. Die Eigentümer dieser Infrastruktur
können nur Gebühren verlangen, die der durchgeleiteten Datenmenge
entsprechen. Das ist das wirklich Neue am Internet. Denn alle bisherigen Netzwerke
der Massenkommunikation konnten nur auf eine von den EigentümerInnen
genau bestimmte Weise genutzt werden.
Wegen dieser besonderen Eigenschaft führte auch die Privatisierung der
Internetinfrastruktur in den USA in den 1990er Jahren noch nicht per se zu
einem Verlust der Freiheit des Internet (Lessig
2001: 23ff.).
Die übertragenen Inhalte gehören zum Teil den Medienkonzernen und
unterliegen damit dem Copyright. Sie dürfen deshalb nicht kopiert werden.
Allerdings ließ sich dieses Verbot aufgrund der freien Netzwerkarchitektur
bisher nur schwer durchsetzen. Versuche, die ihnen rechtlich zustehenden Kon-trollrechte
auch tatsächlich ausüben zu können, waren bisher nicht besonders
erfolgreich. Nach Meinung der Unterhaltungsindustrie kann sich dies nur ändern,
wenn das Internet grundlegend umgestaltet wird. Sie plant, die Netzwerkarchitektur
zu schließen und die Einführung neuer Anwendungen von ihrer Erlaubnis
abhängig zu machen.
Zunehmend werden mediale Inhalte in digitalen Formaten gespeichert und übertragen.
Die Schallplatte und Audiokassette wurden durch die CD ersetzt, die Videokassette
durch die DVD, und gegenwärtig erleben wir auch eine Digitalisierung
der Fernseh- und Rundfunkübertragung. Damit kündigt sich ein grundlegender
Umbruch im Umgang mit den Medien an, der alle Bereiche umfasst und von Musik
bis hin zu wissenschaftlichen Fachzeitschriften reicht.
Die digitalen Medien unterscheiden sich von den Analogmedien in folgenden
Punkten (Ku 2001):
Analoge Medien
Digitale Medien
Jedes Medium benötigt einen spezifischen materiellen Träger,
der mit denjenigen der anderen Medien nicht kompatibel
ist: So sind Schriftmedien an
Druckerzeugnisse, Toninformationen an
Schallplatten und Bildinformationen an
Videokassetten gebunden.
Digitale Informationen benötigen kein
spezifisches Trägermedium mehr, um
sie zu transportieren. Sie können entweder
durch Netzwerke, wie das Internet,
übertragen werden oder sie können
auf den unterschiedlichsten Trägermedien
gespeichert werden, wie Festplatten,
DVDs oder Memory Sticks.
Für jedes Medium existieren unterschiedliche
Kopierverfahren und -technologien, z.B. Druckmaschinen, Schallplattenpressen
oder Videokopierwerke.
Alle Informationen werden prinzipiell
nach einem einheitlichen Verfahren in
Bits und Bytes, also als eine Reihe von
Nullen und Einsen, gespeichert.
Die Qualität von Kopien ist sehr
schlecht und verschlechtert sich mit
jeder Kopiengeneration weiter
Kopien von digitalen Inhalten sind ohne
Qualitätsverlust möglich, auch Kopien
von Kopien.
Der Kopiervorgang ist kompliziert und
teuer. Privatpersonen sind meistens
nicht in der Lage, analoge Kopien zu
erstellen.
Kopien von digitalen Inhalten sind mit
einem handelsüblichen PC einfach und
billig, so dass auch Privatpersonen in
der Lage sind, eine unbegrenzte Anzahl
von perfekten Kopien herzustellen.
Damit analoge Medien ihr Publikum erreichen konnten, mussten sie auf unterschiedliche
Träger wie z.B. Zeitungspapier, Schallplatten oder Videokassetten
kopiert werden. Anschließend wurden sie über Groß- und
Einzelhändler an die KonsumentInnen verkauft. Die Unterhaltung der hierzu
notwendigen großen und komplizierten Distributionsnetzwerke (Presswerke,
Lagerhallen in vielen Städten, Auslieferungsfahrzeuge) war sehr teuer
und führte dazu, dass nur diejenigen Inhalte veröffentlicht werden
konnten, von denen die Herausgeber annahmen, dass sie sehr viele Menschen
interessieren würden (Lessig 2001: 111, Ku
2001: 27).