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Attac Basistext 15 - Wissensallmende

1. Einleitung

Geistiges Eigentum als virtuelles Öl des 21. Jahrhunderts

In unseren Gesellschaften wird Wissen immer wichtiger. Ein immer größerer Teil der Arbeitskraft fließt in die Erschaffung und Reproduktion von Wissen.
Wissen ist im Unterschied zu vielen materiellen Gütern nur in einem eingeschränkten Sinn knapp: Einmal in der Welt, kann es praktisch beliebig leicht vervielfältigt werden. Zugespitzt gesagt: Wissensgüter(1) sind entweder gar nicht oder im Überfluss vorhanden. Solange jedeR Wissensgüter kopieren und weitergeben kann, fällt es den ProduzentInnen und der Industrie schwer, mit ihren Produkten Gewinn zu erzielen.
Daher bemüht sich die Industrie, den freien Zugang zu Wissensgütern immer weiter zu beschränken, und wir erleben eine zunehmende Einschränkung der freien Verbreitung des Wissens.

Abb 1: Geschätzte Exporterlöse der Kern
Copyright
Wirtschaftszweige in den USA,
2001, Quelle: www.iipa.com

Bei der Durchsetzung der Interessen der Industrie spielen Staaten mit der entsprechenden neuen Gesetzgebung und internationale Verträge eine zentrale Rolle. Die »geistigen Eigentumsrechte« gewinnen massiv an Bedeutung und sind auf dem Weg, zur zentralen Ressource, sozusagen zum virtuellen Öl des 21. Jahrhunderts, zu werden. Die enorme und schnell wachsende Bedeutung geistiger Monopolrechte zeigt sich exemplarisch an US-Exporterlösen für Copyright-Güter: 2003 lagen sie bei knapp 90 Mrd. $. (Zum Vergleich: Das ist deutlich mehr als die US-Ausgaben für die eigenen Ölimporte, s. Abb. 1).

Damit rücken die Kämpfe um geistiges Eigentum in den Brennpunkt der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Das gilt für Software ebenso wie für Musik und Bücher, aber auch für neue Reissorten oder Medikamente.

 

»Geistige Monopolrechte« statt »geistiges Eigentum«

Ein wichtiger Teil der politischen Auseinandersetzungen ist der Kampf um Begriffe. Wir lehnen den Begriff des »geistigen Eigentums« als Kampfbegriff der Befürworter der Ausweitung geistiger Monopole ab. Zum einen steht »Eigentum« juristisch für eine Breite an Rechten, die für das »geistige Eigentum« glücklicherweise (noch) nicht durchgesetzt ist. Die positive Konnotation des Begriffs »Eigentum« dient zum anderen dazu, solchen Rechten einen Anschein von Legitimität zu verschaffen. Wissen sollte aber gerade kein exklusives Eigentum sein, sondern der Allgemeinheit dienen. Viel treffender ist daher der Begriff der geistigen Monopolrechte.

 

Die Wissensallmende

One, two, three o’clock, four o’clock, rock, Five, six, seven o’clock, eight o’clock, rock,
Nine, ten, eleven o’clock, twelve o’clock, rock, We’re gonna rock around the clock tonight.

Bill Haley, Rock around the Clock


Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde
davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder...

Kurt Tucholsky unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel

Was haben Bill Haleys Musikaufnahmen und Tucholskys Texte gemeinsam? - Sie werden gerade »gemeinfrei«, d.h. die ausschließlichen Vervielfältigungsrechte laufen aus. Der 21.12. 2005 ist der 70. Todestag Tucholskys, damit darf ab diesem Datum jedeR seine Texte frei veröffentlichen, drucken und auf Webseiten setzen, so wie das schon seit 2004 für die Musikaufnahmen von Bill Haley gilt. So unterschiedlich beide Beispiele sind, für viele bedeutet ihre Existenz einen großen Gewinn und es sollte Anlass zum Feiern sein, dass sie nun endlich auch frei verfügbar werden und es z.B. dann endlich möglich wird, alle Texte Tucholskys online zu durchsuchen.
Für den gemeinsamen Schatz des frei verfügbaren Wissens (Texte, Photos, Computer-Codes oder Saatgut) prägen wir den Begriff der Wissensallmende (engl.: knowledge commons). Die Allmende ist die mittelalterliche Form des Gemeineigentums aller BewohnerInnen eines Dorfes, meistens in Form einer Weide oder eines Waldes. Wir sagen daher, dass Tucholskys Texte oder Bill Haleys Aufnahmen in die Wissensallmende eingegangen sind. Eine gut ausgebaute Wissensallmende ist für das Denken, aber auch für das Produzieren oder Heilen so wichtig wie die Luft zum Atmen. Nur geht es der Wissensallmende wie früher der Umwelt: Sie hat keine Lobby, es gibt noch nicht einmal einen wohl-etablierten Begriff dafür.



(1) Klassische Wissensgüter sind Texte und technische Verfahren. Audiovisuelle Wissensgüter sind Musik und Filme, biologische sind Pharmawirkstoffe, Saatgut und Gene, informationstechnologische sind Software, Dateiformate und Datenbanken.

 

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Aktualisiert am 31.05.2008 von tian und anderen - Impressum