Attac Eine andere Welt ist möglich! Her mit dem schönen Leben!
Pix home Pix kontakt Pix Links Pix aktiv werden Pix Publikationen Pix Mitglied werden Pix english  | francais  | türkce Pix
bio
 AG Wissensallmende
 AttacBasistext Wissensallmende
Pfeil Index
Pfeil Inhalt
Pfeil Vorwort
Pfeil Einleitung
Pfeil Lizenz auf Leben
Pfeil Einleitung
Pfeil Patente
Pfeil Medizin
Pfeil Landwirtschaft
Pfeil Biopiraterie
Pfeil Internet
Pfeil Übereinkommen
Pfeil Ökonomische Betrachtungen
Pfeil Bedeutung
Pfeil Alternativen
Pfeil Glossar
Pfeil Literatur
Pfeil Errata

 

Pic
 Attac Deutschland
-> Startseite
-> Presse
-> Gruppen vor Ort
-> Kampagnen/AGs
-> Mitglied werden
-> Spenden
-> Material bestellen
Pic
suche
 auf www.attac.de
Lizenz auf Leben

Biopiraterie und die Aneignung genetischer Ressourcen

Der Begriff Biopiraterie wurde Anfang der 1990er Jahre von der US/kanadischen Organisation ETC-Group eingeführt und dann vor allem von indigenen Völkern und NGOs übernommen (Ribeiro 2002). In diesem Kontext bezeichnet Biopiraterie die Aneignung genetischer Ressourcen und Kenntnissen der indigenen Bevölkerung und lokalen Gemeinschaften, speziell aus Entwicklungsländern, von Seiten privater, zumeist transnationaler Unternehmen und/oder öffentlicher Institutionen, die meistens aus dem Norden stammen. Hierbei werden Ressourcen, die über Jahre öffentlich zugänglich waren und der gesamten Gemeinschaft zur Verfügung standen, in der Hand von Konzernen privatisiert. Westliche Konzerne benutzen geistige Monopolrechte, um diese Ressourcen für sich zu beanspruchen und den Besitz rechtlich abzusichern.
Inzwischen verwenden auch transnationale Konzerne den Begriff Biopiraterie, versuchen aber, seine Bedeutung umzukehren. Aus dieser Sichtweise kann dann von Biopiraterie gesprochen werden, wenn die patentierten Ressourcen des Unternehmens ohne Absprache und ohne Zahlung von Gebühren genutzt werden.
Bioprospektion ist in vielen Fällen Voraussetzung für Biopiraterie. Hierunter wird das Sammeln, Archivieren und Aufarbeiten von biologischem Material verstanden. Anschließend wird das gesammelte Material auf Verwendungsmöglichkeiten im industriellen oder medizinischen Bereich analysiert. Während die eigentliche Prospektion sowohl von staatlichen Institutionen wie z.B. Universitäten als auch von Privatfirmen durchgeführt wird, liegt die weitere Entwicklung und Vermarktung der daraus entstehenden Produkte meist ausschließlich in der Hand großer Unternehmen.
Da das Auffinden von verwertbarem biologischen Material ohne Hilfe des einheimischen Wissens in vielen Fällen sehr viel kostspieliger, teilweise sogar unmöglich ist, werden bei der Suche häufig indigene Bevölkerungsgruppen mit einbezogen. Von traditionellen Heilern bekommt man so zum Beispiel Angaben über interessante Substanzen einer bestimmten Pflanze, erfährt man die Jahreszeit, in der die Pflanze gefunden werden kann, und lernt teilweise sogar Methoden kennen, wie die verwertbaren Substanzen gewonnen werden (Wullweber 2004: 41).
Seit dem Inkrafttreten der Biodiversitäts-Konvention (s. Kap. 4) am 29.12.1993 werden immer häufiger so genannte Bioprospektierungsverträge mit den Regierungen der biodiversitätsreichen Ländern abgeschlossen, mit dem Vorhaben einen »fairen« Ausgleich der Interessen zu schaffen. Die indigenen Völker bekommen - wenn überhaupt - in der Regel nur eine bescheidene Vergütung, die meistens in keinem Verhältnis zu den Gewinnen steht, die Unternehmen aus brauchbaren Substanzen erzielen können. Das Problem ist jedoch weniger ein finanzielles, sondern eher, dass westliche Vorstellungen von Besitz und Wissen im krassen Gegensatz zu den Vorstellungen indigener Gesellschaften stehen. Durch das »gewaltsame« Eindringen können deren soziale und kulturelle Systeme nachhaltig geschädigt werden. Ein bekanntes Beispiel für die institutionalisierte Bioprospektion sind die Projekte der International Cooperative Biodiversity Group (ICBG), ein Zusammenschluss aus verschiedenen öffentlichen und privaten Institutionen der USA, die Gelder an öffentliche und private Forschungseinrichtungen zahlen, um Bioprospektions-Projekte zu finanzieren (Wullweber 2004: 98ff.).
Die indische Umweltaktivistin Vandana Shiva bezeichnet die Aneignung genetischer Ressourcen als die »zweite Ankunft des Kolumbus« (Shiva 2002: 16), da die Erzeugung von Eigentum durch Raub dem gleichen Prinzip wie vor 500 Jahren folge: »Die Kolonien sind nun auf die Innenräume von Lebensformen ausgeweitet worden, auf die genetischen Codes von Mikroorganismen, Pflanzen und Tiere, einschließlich des Menschen.« (Shiva 2002: 15) Patente sind für sie ein Deckmantel, um Enteignung und Raub zu rechtfertigen und ihn als natürliches Recht der westlichen Welt zu legitimieren, ebenso wie die Päpstliche Bulle vor 500 Jahren die Kolonialisierung und Ausbeutung nicht-europäischer Völker legitimiert habe. Aus nichtwestlicher Sicht erscheint die Aneignung genetischer Ressourcen somit als »säkularisierte Neuauflage des gleichen Kolonisationsvorhabens.« (Shiva 2002: 13)
Der im Folgenden beschriebene Fall des Neem-Baums ist hierbei lediglich ein populäres Beispiel für Biopiraterie. Auch die in den vorherigen Kapiteln beschriebene Ausweitung geistiger Monopolrechte im Bereich der Gentechnologie und die Legalisierung von Enteignungsvorgängen in Industrieländern können als Biopiraterie bezeichnet werden.

Der Neem-Baum

Ein bekanntes Beispiel für Biopiraterie ist die Patentierung des Neem-Baums in Indien (Shiva 2002: 80ff.). Neem ist ein in Indien beheimateter Baum, aus dem seit Jahrhunderten Biopestizide und Heilmittel gewonnen werden. Im medizinischen Bereich sind bis jetzt über 20 verschiedene Anwendungen bekannt. Die Gemeinden Indiens tragen seit Jahrhunderten zum Schutz des Baumes bei und geben das Wissen um seine Nutzungsmöglichkeiten von Generation zu Generation weiter, ohne dafür Lizenzgebühren zu verlangen. Die Herstellung von Biopestiziden auf seiner Basis gehört in Indien seit fast 2000 Jahren zum Allgemeinwissen und wird in Eigenregie von zahlreichen Landwirten durchgeführt, die über Jahre hinweg komplexe Extraktionsverfahren und Anwendungsmöglichkeiten entwickelt haben.
Weltweit wurden seit 1985 von amerikanischen, japanischen und europäischen Firmen über 90 Patente auf Wirkeigenschaften und Extraktionsverfahren angemeldet. Die amerikanische Firma W.R. Grace begann damit, Produktionsstätten in Indien zu errichten, um von dort aus Produkte aus Neem herzustellen und zu vertreiben. Die Wertsteigerung der Neem-Samen von ehemals elf US-$ je Tonne auf ca. 110-150 US-$ führte dazu, dass kleinere indische Firmen und Landwirte nicht mehr in der Lage sind, Neemsamen einzukaufen. Wegen der Patente können einheimische Firmen ihre Produkte nicht mehr nach Europa und in die USA exportieren, was zu starken Umsatzeinbrüchen führt. W.R. Grace versucht zudem einheimische Betriebe aufzukaufen oder davon zu überzeugen, als Rohstofflieferant zu fungieren. Die Firma argumentiert, dass die Wertsteigerung der Neemsamen und Produkte der indischen Wirtschaft zugute kommen, vergisst dabei jedoch, dass einheimische Strukturen systematisch zerstört werden. Durch internationalen Protest und Einsprüche bei der Beschwerdekammer der EPA wurden zwei der insgesamt 22 europäischen Patente auf Neem nun endgültig widerrufen (Kein Patent auf Leben 2005). Diese Entwicklung ist ein Schritt in die richtige Richtung und zeigt, dass sich der Widerstand gegen Biopiraterie lohnt.


Fazit

Der genetische Code, der eine wichtige Grundlage des Lebens auf unserem Planeten bildet, wird gegenwärtig zwischen einer handvoll Unternehmen aufgeteilt. Die Vergabe von Genpatenten dient der Profitmaximierung und Kapitalakkumulation von großen, meist transnationalen Konzernen, negiert jedoch die lebenswichtigen Interessen und Bedürfnisse von Milliarden Menschen.
Neben einer ethisch motivierten Ablehnung gibt es eine ganze Reihe von Gründen, die gegen die Patentierung von Leben sprechen:

  • Genpatente setzen das Gesundheitssystem unter Druck, führen zu enormen Kostensteigerungen und schaden somit den Interessen von ÄrztInnen, BeitragszahlerInnen und PatientInnen. Insbesondere in Ländern der Dritten Welt führen
    sie, wie im Falle von AIDS, zu vermeidbaren Todesfällen.
  • Patienten mit bestimmten (Erb-)Krankheiten werden von einzelnen Unternehmen abhängig.
  • BäuerInnen geraten in die Abhängigkeit einzelner Saatgutmultis.
  • Geistige Monopolrechte auf Pflanzen bedrohen die Ernährungssicherheit weiter Teile der Weltbevölkerung und tragen zur Zerstörung der genetischen Vielfalt bei.
  • Patente auf Leben können Forschung und Entwicklung blockieren.

In den nächsten Jahren werden die Weichen für den zukünftigen Umgang mit Umwelt und Natur gestellt. Es gilt nun Alternativen zu entwickeln, die das Wissen, die Kreativität und die Vielfalt aller Menschen mit einbeziehen und einen ökologischen und nachhaltigen Umgang mit der Natur ermöglichen.

zurück | weiter

->Druckversion  
->Artikel mailen
Pixel
Aktiv bei Attac
*
tragen Sie sich in unseren Infoverteiler ein
Wo ist die nächste Attac-Gruppe?
Mitglied werden?
Aktualisiert am 31.05.2008 von tian und anderen - Impressum