Die Unterhaltungsindustrie als Leitindustrie des 21. Jahrhunderts
Jeremy Rifkin bezeichnet die Unterhaltungsindustrie als die Leitindustrie
des 21. Jahrhunderts (Rifkin 2000: 295). Dies nicht etwa deswegen, weil sie
den höchsten
Umsatz aller Industriebranchen hätte, obwohl auch der beachtlich ist.
Nach Angaben der IIPA hatten die Copyright-Industrien im Jahr 2002 einen
Umsatz von 1254 Mrd. US$, das entspricht einem Anteil von 11,97% am US-amerikanischen
BIP. Sie beschäftigen über 11 Mio. Personen. Hiervon entfallen etwa
50% auf die Kern-Copyright-Industrien (Siwek
2004: 10ff.).
Viel entscheidender ist ihr gesellschaftlicher Einfluss. Sie treibt die im
Interesse vieler Industriebranchen gelegene Verschärfung der geistigen
Monopolrechte am radikalsten voran und verkörpert die Struktur des aktuellen
Kapitalismus am reinsten. Hier sind die einmaligen Kosten für die Entwicklung
der Produkte prozentual am höchsten und die Produktionskosten praktisch
zu vernachlässigen.
Deswegen wird sie durch den technischen Fortschritt am stärksten getroffen
und versucht mit aller Gewalt, ihn unter ihre Kontrolle zu bringen. Hierbei
war sie recht erfolgreich: Es gelang ihr in vielen Fällen, anderen Industriebranchen
ihre Vorstellungen von striktem Schutz des Urheberrechts aufzuzwingen: Dazu
gehören die Unterhaltungselektronik-Industrie, die Computerindustrie und,
mit Abstrichen, auch die Telekommunikationsindustrie.
Alle diese Industriezweige sehen ihre Zukunft in der Vermarktung von Abspielgeräten
oder Dienstleistungen für Inhalte. Um diese Inhalte in den neuen Formaten
zu veröffentlichen, wird die Zustimmung der Unterhaltungsindustrie benötigt,
die so am längeren Hebel sitzt. Sony integrierte bereits 1990 einen Kopierschutz
in Digitale Audiotapes (DAT). In den folgenden Jahren konnte die Unterhaltungsindustrie
immer öfter durchsetzen, dass neue Technologien mit Kopierschutz ausgestattet
werden, z.B. die DVD oder die Ein- und Ausgänge von digitalen Projektoren
(HDMI). Ihre Forderung,
alle digitalen Geräte mit DRM-Mechanismen
zu versehen, wurde im Grundsatz spätestens im Jahr 2001 auch von den anderen
Industriebranchen akzeptiert und wird gegenwärtig umgesetzt (TCPA).
Das läuft im Endeffekt
auf einen vollständigen Umbau der globalen Kommunikationsinfrastruktur
hinaus.
Da die Höhe der Gewinne der Unterhaltungsindustrie von staatlich gewährten
Monopolen (Urheberrecht bzw. Copyright) abhängt, haben diese Firmen frühzeitig
mächtige Lobbyingapparate aufgebaut, um eine ständige Verschärfung
der geistigen Monopolrechte durchzusetzen. Inzwischen zählen die RIAA und
die MPAA in Washington
zu den stärksten Lobbyorganisationen, denen
möglichst niemand widersprechen will.
Neun riesige Konzerne (s. Kap. 3) verwalten einen
großen Teil des kulturellen
Erbes der Menschheit und haben einen extrem großen Einfluss auf die vorherrschenden
Werte der Weltgesellschaft. Sie tragen erheblich zur Akzeptanz des Neoliberalismus
bei. Jeremy Rifkin befürchtet, dass die Unterhaltungsindustrie in Zukunft
in andere Branchen expandieren wird, z.B. in Richtung Tourismus oder Stadtplanung,
wie im Fall der bereits existierenden Disneystadt Celebration. Ziel der Unterhaltungskonzerne
sei es, neben dem Zugang zu kulturellen Ressourcen in Zukunft auch warenförmig
gemachte menschliche Erfahrungen anzubieten (Rifkin
2000: 295).
Bis heute sind erst Ansätze einer solchen Entwicklung sichtbar. Wenn
jedoch eine Reihe von Faktoren zusammenkommen, wie etwa eine sich verfestigende
Kontrolle der menschlichen Kultur durch die Unterhaltungsindustrie per DRM,
zunehmende soziale Polarisierung auch in westlichen Gesellschaften, ausufernde Überwachung
sowie ein immer autoritärer werdender Staat, könnte das folgende
Szenario Realität werden:
Die Gesellschaft ist in wenige gutqualifizierte und gutbezahlte, aber mit langen
Arbeitszeiten belastete Arbeitsplatzbesitzer und in ein Heer von Arbeitslosen
aufgeteilt. Von den noch Arbeitenden werden eine sehr hohe Flexibilität
und u.U. dauernde Ortswechsel verlangt. Hierdurch wird das Eingehen von langfristigen
Beziehungen erschwert. Die langen Arbeitszeiten der noch Arbeitenden bzw. die
sich rapide verschlechternden Lebensbedingungen der Arbeitslosen könnten
auch zu einem Zerfall von Vereinen, sozialen Bewegungen oder sonstigen Zusammenschlüssen
führen, die nichts mit der kapitalistischen Wertschöpfung zu tun
haben.
Unter diesen Umständen könnte es für eine relativ schmale globale
Mittelklasse attraktiv werden, sich gelebte Erfahrungen, Sympathie und emotionale
Zuwendung von Zeit zu Zeit zu kaufen. Diese kann vielfältige Formen annehmen
und bis zu einem Begleit- oder Hostessenservice reichen. In Japan mit bekanntlich
sehr langen Arbeitszeiten haben solche Dienstleistungen (u.a. Enjo
Kosai)
schon beträchtliche Ausmaße angenommen (Thu
Nguyen 1999).
Die globale Unterklasse, die v.a. aus Arbeitslosen und Unterbeschäftigten
bestehen würde und die Mehrheit der Erdbevölkerung bilden könnte,
ist durch ihr Leben in Armut zermürbt und demoralisiert. Untersuchungen
des Stadtsoziologen Mike Davis haben ergeben, dass SlumbewohnerInnen in der
Regel nicht in der Lage sind, sich selbst zu organisieren, etwa um politische
Forderungen zu stellen, und auch ihre Familienbeziehungen sind häufig
extrem fragil (Davis 2004: 28ff.).
Unter diesen Umständen wäre der Neoliberalismus nur noch sehr schwer
zu überwinden: Die Menschen würden von Alternativen zu diesem Wirtschaftssystem
kaum mehr erfahren oder sie sich auch nur vorstellen können. Dies sowie
lange Arbeitszeiten, Armut und ein autoritärer Staat könnten die
Menschen wirkungsvoll davon abhalten, sich für die Wahrung ihrer Interessen
eigenständig zu organisieren.
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