Attac Eine andere Welt ist möglich! Her mit dem schönen Leben!
Pix home Pix kontakt Pix Links Pix aktiv werden Pix Publikationen Pix Mitglied werden Pix english  | francais  | türkce Pix
 AG Wissensallmende
 AttacBasistext Wissensallmende
Pfeil Index
Pfeil Inhalt
Pfeil Vorwort
Pfeil Einleitung
Pfeil Lizenz auf Leben
Pfeil Internet
Pfeil Übereinkommen
Pfeil Ökonomische Betrachtungen
Pfeil Bedeutung
Pfeil New Economy
Pfeil Enteignung
Pfeil Leitindustrie
Pfeil Alternativen
Pfeil Glossar
Pfeil Literatur
Pfeil Errata

 

Pic
 Attac Deutschland
-> Startseite
-> Presse
-> Gruppen vor Ort
-> Kampagnen/AGs
-> Mitglied werden
-> Spenden
-> Material bestellen
Pic
suche
 auf www.attac.de
6. Ökonomische Bedeutung der geistigen Monopolrechte

Die Unterhaltungsindustrie als Leitindustrie des 21. Jahrhunderts

Jeremy Rifkin bezeichnet die Unterhaltungsindustrie als die Leitindustrie des 21. Jahrhunderts (Rifkin 2000: 295). Dies nicht etwa deswegen, weil sie den höchsten Umsatz aller Industriebranchen hätte, obwohl auch der beachtlich ist. Nach Angaben der IIPA hatten die Copyright-Industrien im Jahr 2002 einen Umsatz von 1254 Mrd. US$, das entspricht einem Anteil von 11,97% am US-amerikanischen BIP. Sie beschäftigen über 11 Mio. Personen. Hiervon entfallen etwa 50% auf die Kern-Copyright-Industrien (Siwek 2004: 10ff.).

Viel entscheidender ist ihr gesellschaftlicher Einfluss. Sie treibt die im Interesse vieler Industriebranchen gelegene Verschärfung der geistigen Monopolrechte am radikalsten voran und verkörpert die Struktur des aktuellen Kapitalismus am reinsten. Hier sind die einmaligen Kosten für die Entwicklung der Produkte prozentual am höchsten und die Produktionskosten praktisch zu vernachlässigen. Deswegen wird sie durch den technischen Fortschritt am stärksten getroffen und versucht mit aller Gewalt, ihn unter ihre Kontrolle zu bringen. Hierbei war sie recht erfolgreich: Es gelang ihr in vielen Fällen, anderen Industriebranchen ihre Vorstellungen von striktem Schutz des Urheberrechts aufzuzwingen: Dazu gehören die Unterhaltungselektronik-Industrie, die Computerindustrie und, mit Abstrichen, auch die Telekommunikationsindustrie.
Alle diese Industriezweige sehen ihre Zukunft in der Vermarktung von Abspielgeräten oder Dienstleistungen für Inhalte. Um diese Inhalte in den neuen Formaten zu veröffentlichen, wird die Zustimmung der Unterhaltungsindustrie benötigt, die so am längeren Hebel sitzt. Sony integrierte bereits 1990 einen Kopierschutz in Digitale Audiotapes (DAT). In den folgenden Jahren konnte die Unterhaltungsindustrie immer öfter durchsetzen, dass neue Technologien mit Kopierschutz ausgestattet werden, z.B. die DVD oder die Ein- und Ausgänge von digitalen Projektoren (HDMI). Ihre Forderung, alle digitalen Geräte mit DRM-Mechanismen zu versehen, wurde im Grundsatz spätestens im Jahr 2001 auch von den anderen Industriebranchen akzeptiert und wird gegenwärtig umgesetzt (TCPA). Das läuft im Endeffekt auf einen vollständigen Umbau der globalen Kommunikationsinfrastruktur hinaus.

Da die Höhe der Gewinne der Unterhaltungsindustrie von staatlich gewährten Monopolen (Urheberrecht bzw. Copyright) abhängt, haben diese Firmen frühzeitig mächtige Lobbyingapparate aufgebaut, um eine ständige Verschärfung der geistigen Monopolrechte durchzusetzen. Inzwischen zählen die RIAA und die MPAA in Washington zu den stärksten Lobbyorganisationen, denen möglichst niemand widersprechen will.

Neun riesige Konzerne (s. Kap. 3) verwalten einen großen Teil des kulturellen Erbes der Menschheit und haben einen extrem großen Einfluss auf die vorherrschenden Werte der Weltgesellschaft. Sie tragen erheblich zur Akzeptanz des Neoliberalismus bei. Jeremy Rifkin befürchtet, dass die Unterhaltungsindustrie in Zukunft in andere Branchen expandieren wird, z.B. in Richtung Tourismus oder Stadtplanung, wie im Fall der bereits existierenden Disneystadt Celebration. Ziel der Unterhaltungskonzerne sei es, neben dem Zugang zu kulturellen Ressourcen in Zukunft auch warenförmig gemachte menschliche Erfahrungen anzubieten (Rifkin 2000: 295).

Bis heute sind erst Ansätze einer solchen Entwicklung sichtbar. Wenn jedoch eine Reihe von Faktoren zusammenkommen, wie etwa eine sich verfestigende Kontrolle der menschlichen Kultur durch die Unterhaltungsindustrie per DRM, zunehmende soziale Polarisierung auch in westlichen Gesellschaften, ausufernde Überwachung sowie ein immer autoritärer werdender Staat, könnte das folgende Szenario Realität werden:
Die Gesellschaft ist in wenige gutqualifizierte und gutbezahlte, aber mit langen Arbeitszeiten belastete Arbeitsplatzbesitzer und in ein Heer von Arbeitslosen aufgeteilt. Von den noch Arbeitenden werden eine sehr hohe Flexibilität und u.U. dauernde Ortswechsel verlangt. Hierdurch wird das Eingehen von langfristigen Beziehungen erschwert. Die langen Arbeitszeiten der noch Arbeitenden bzw. die sich rapide verschlechternden Lebensbedingungen der Arbeitslosen könnten auch zu einem Zerfall von Vereinen, sozialen Bewegungen oder sonstigen Zusammenschlüssen führen, die nichts mit der kapitalistischen Wertschöpfung zu tun haben.
Unter diesen Umständen könnte es für eine relativ schmale globale Mittelklasse attraktiv werden, sich gelebte Erfahrungen, Sympathie und emotionale Zuwendung von Zeit zu Zeit zu kaufen. Diese kann vielfältige Formen annehmen und bis zu einem Begleit- oder Hostessenservice reichen. In Japan mit bekanntlich sehr langen Arbeitszeiten haben solche Dienstleistungen (u.a. Enjo Kosai) schon beträchtliche Ausmaße angenommen (Thu Nguyen 1999).
Die globale Unterklasse, die v.a. aus Arbeitslosen und Unterbeschäftigten bestehen würde und die Mehrheit der Erdbevölkerung bilden könnte, ist durch ihr Leben in Armut zermürbt und demoralisiert. Untersuchungen des Stadtsoziologen Mike Davis haben ergeben, dass SlumbewohnerInnen in der Regel nicht in der Lage sind, sich selbst zu organisieren, etwa um politische Forderungen zu stellen, und auch ihre Familienbeziehungen sind häufig extrem fragil (Davis 2004: 28ff.).

Unter diesen Umständen wäre der Neoliberalismus nur noch sehr schwer zu überwinden: Die Menschen würden von Alternativen zu diesem Wirtschaftssystem kaum mehr erfahren oder sie sich auch nur vorstellen können. Dies sowie lange Arbeitszeiten, Armut und ein autoritärer Staat könnten die Menschen wirkungsvoll davon abhalten, sich für die Wahrung ihrer Interessen eigenständig zu organisieren.

zurück | weiter

->Druckversion  
->Artikel mailen
Pixel
Aktiv bei Attac
*
tragen Sie sich in unseren Infoverteiler ein
Wo ist die nächste Attac-Gruppe?
Mitglied werden?
Aktualisiert am 31.05.2008 von tian und anderen - Impressum