Enteignungsökonomie
Die Unterhaltungsindustrie möchte in Zukunft ihre Produkte nicht
mehr verkaufen, sondern sie nur noch für ganz spezifische Nutzungsarten
lizenzieren. Filme und Musik sollen im Regelfall nur noch einmal betrachtet
bzw. gehört werden dürfen. Möchten die KonsumentInnen diese
ein zweites Mal hören bzw. betrachten, müssen sie neu bezahlen.
Hiermit werden den KonsumentInnen bisherige Nutzungsrechte entzogen. Inhaber
von Softwarepatenten kassieren ganze Industriezweige ab, wenn sie rein
zufällig einen wichtigen Algorithmus patentiert haben, der nicht ersetzt
werden kann.
Die gleiche Entwicklung zeigt sich im Bereich der Landwirtschaft und der
Biotechnologie. Große transnationale Saatgutkonzerne wie Monsanto
verwenden große Anstrengungen darauf, das Genom aller Lebewesen zu
identifizieren und zu patentieren. Über diesen durch Patent- und Sortenschutzrecht
abgesicherten Besitz werden diese Konzerne mehr oder weniger ausschließlich
verfügen. Bereits heute haben die BäuerInnen in vielen Ländern
ihr Jahrtausende altes Recht verloren, Saatgut aus der eigenen Ernte aufzuheben,
mit Verwandten und Freunden zu tauschen oder es zu verkaufen. Solche Handlungen
sind ihnen entweder ganz verboten oder sie müssen hohe Gebühren
für das Recht zahlen, das selbstgeerntete Saatgut verwenden zu dürfen.
So sind sie gezwungen, Saatgut jedes Jahr gesondert bei den Biotechnologiekonzernen
zu kaufen. Hierzu haben aber viele BäuerInnen in den Entwicklungsländern
nicht die notwendigen Geldmittel. Eine Folge wird sein, dass die Ernährungssicherheit
weiter zurückgeht und die Gefahr von Hungersnöten zunimmt (Rifkin
2000: 94). Im Extremfall könnte es passieren, dass Felder von »illegal
angebautem Getreide« großflächig durch Pflanzenvernichtungsmittel
unbrauchbar gemacht werden, während
gleichzeitig Menschen hungern.
In der neueren marxistischen Diskussion werden diese Aktivitäten
als ein wichtiges Merkmal der gegenwärtigen Phase des Kapitalismus
angesehen und zusammenfassend als Enteignungsökonomie bezeichnet (Zeller
2004: 14). Was es bisher kostenlos gab, wird in Zukunft nur noch gegen
Zahlung von hohen Geldsummen gestattet. Hierdurch werden neue Eigentumsrechte
geschaffen, die es ermöglichen, rentenartige Einkommen einzustreichen.
Damit werden gleichzeitig die bisherigen NutzerInnen dieser Güter
enteignet. Wir erleben im Augenblick eine Häufung derartiger Prozesse.
Neben der Verschärfung
des geistigen Eigentums gehören dazu die zahlreichen Privatisierungen
von öffentlichen Infrastruktureinrichtungen, des öffentlichen
Verkehrs, der Telekommunikation, des Gesundheitswesens, von Bildungseinrichtungen
und des Rentensystems. Aber auch Raubkriege, die mit dem Zweck geführt
werden, sich die Ressourcen des angegriffenen Landes anzueignen, sind ein
Teil der gegenwärtig ablaufenden massiven Enteignungswelle.
Diese Prozesse führen zu einer Ausweitung der kapitalistischen Eigentums-
und Produktionsverhältnisse auf Länder, Sektoren oder soziale Aktivitäten,
die ihnen bisher nicht oder nicht vollständig unterworfen waren. Es
kommt also zu einer Ausweitung der Warenbeziehungen und der kapitalistischen
Eigentumsbeziehungen (Zeller
2004: 9ff.). Der Staat mit seinem Gewaltmonopol
und seiner Definitionsmacht über Legalität spielt eine maßgebliche
Rolle bei der Förderung dieser Prozesse, genauso wie bei der gewaltsamen
Vertreibung der unmittelbaren ProduzentInnen von Grund und Boden, die Karl
Marx als ursprüngliche Akkumulation bezeichnet hat. Die Verschärfung
der geistigen Monopolrechte und deren Durchsetzung ist wie andere gegenwärtig
stattfindende Enteignungsprozesse nur mit Hilfe des Staates möglich
(Harvey 2004: 196).
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