(Am 21.11.04 in Frankfurt (a. Main) vom Attac-Rat bewilligt.)
Im November 2003 hat sich nach ersten Vorbereitungen auf der Sommerakademie
in Münster die Attac-AG "Wissensallmende und freier Informationsfluss", kurz
Attac-AG Wissensallmende gegründet. Im Zentrum der Arbeit der AG stehen die
Kritik am Umgang mit geistigen Monopolrechten und die konkrete Arbeit gegen
deren Auswüchse. Zudem steht die AG für eine freie, ungehinderte Kommunikation
der Menschheit und damit auch für ein Ende der digitalen Teilung der Welt. Inzwischen
hat sich die AG in ihrer Arbeit weiter konsolidiert und haben sich die ersten
lokalen Wissensallmende-Gruppen gebildet.
Inhaltlicher Hintergrund
(Auszug aus dem Thesenpapier der AG)
In unseren Gesellschaften wird Wissen immer wichtiger. Ein immer größerer Teil
der Arbeitskraft wird in die Erschaffung und Reproduktion von Wissen gesteckt.
Dieser Übergang in die Wissensgesellschaft bietet Chancen und Risiken und stellt
neue Herausforderungen an demokratische und solidarische Politikkonzepte. Die
Chancen der Wissensgesellschaft liegen in der erhöhten Produktivität, die potenziell zu mehr Wohlstand, weniger Arbeit für jeden einzelnen und niedrigerem
Ressourcenverbrauch führen kann. Risiken liegen in den Verteilungswirkungen
neuer Technologien und darin, dass die Überwachungsgesellschaft in bisher ungeahntem
Ausmaß technisch möglich wird.
Für die Zukunft der Wissensgesellschaft gibt es zwei zentrale Leitbilder. Das
eine beruht auf der zunehmenden privaten Kontrolle über Wissen und Information,
die auch durch staatliche Überwachung gestützt wird: ein Leitbild der Konzerne
und Monopolgewinne, ein Leitbild, das darauf angewiesen ist, alles in Geld zu
fassen. Das andere Leitbild ist eines freier Kooperation, eines, das davon ausgeht,
dass das Wissen wie auch das Leben und unser blauer Planet gemeinsames Erbe
der gesamten Menschheit ist: ein Leitbild das vielseitige menschliche Motivation
zur Erkenntnis und Wissensschaffung erkennt und nutzt, ein Leitbild der dezentralen
Einheiten, von freiem Saatgut, freien Texten, freier Software und, nicht zuletzt,
ein Leitbild, in dem wesentlich weniger Kontrolle und Überwachung nötig und
möglich ist.
Wir sehen den Kernpunkt der derzeitigen Auseinandersetzung in dem Kampf
um geistige Kontrollrechte (oft irreführend als geistige Eigentumsrechte
bezeichnet). Die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten geht zu immer stärkeren
Kontrollrechten, aber es bildet sich zunehmend Gegenwehr und, vor allem im Bereich
der freien Software, Alternativen. Die Auseinandersetzung um die Ausweitung
des Gemeineigentums an Wissen, die Wissensallmende, ist für uns eine
der zentralen Aufgaben sozialer Bewegungen für die nächsten Jahrzehnte.
Hier werden in diesen Jahren die Weichen gestellt, wem das Wissen im 21. Jahrhundert
gehören wird. Dabei geht es um viel Geld! Ein Beispiel: 2001 haben die USA durch
den Export von urheberrechtlich geschützten Produkten mehr Geld eingenommen
als sie für den Import von Öl ausgegeben haben.
Geistige Kontrollrechte, die in internationalen Verträgen wie dem TRIPS weltweit
kodifiziert wurden, machen es für Entwicklungsländer immer schwerer, neue Produktionsmethoden
und Techniken zu nutzen, wenn diese z.B. mit Patenten belegt sind. Die genetischen
Ressourcen des Südens dagegen werden häufig von Großkonzernen des Nordens angeeignet
und patentiert. Hohe Patentgebühren können von Entwicklungsländern nicht oder
nur unter Schwierigkeiten aufgebracht werden. Hierdurch wird der technologische
Vorsprung der Industrieländer zementiert und die Entwicklungsländer müssen gewaltige
Nettozahlungen an den Norden aufbringen.
Wir sind uns dem Paradox der Knappheit des Wissens bewusst: Einerseits sind
Wissen und Information in sehr vielen Fällen, z.B. bei Software und Saatgut
wenn einmal vorhanden praktisch kostenfrei vervielfältigbar und damit im Überfluss
vorhanden, sofern sie nicht künstlich knapp gehalten werden und andererseits
gibt es in fast allen Bereichen eine Knappheit an Wissen in dem Sinne, dass
neues Wissen gebraucht wird, nicht nur solches, das nur noch kopiert werden
muss. Neben der Verbreitung bestehenden Wissens steht daher für uns gleichberechtigt
die Schaffung von neuem.
Eines der Instrumente zur Erhöhung der Anreize zur Schaffung neuen Wissens
können dabei geistige Kontrollrechte sein, allerdings gibt es auch andere, oft
wichtigere Möglichkeiten, die nicht die gravierenden Nachteile der geistigen
Kontrollrechte haben. Nicht zu unterschätzen ist hier die Freude an der eigenen
Arbeit, aber auch die Anerkennung in der Öffentlichkeit oder der Peer-Group.
Auch monetäre Anreize müssen keineswegs immer über geistige Kontrollrechte organisiert
werden. Direkte öffentliche Finanzierung, Pauschalgebühren aber auch der direkte
Eigennutz am entwickelten Wissen sind hier zu nennen. Wir sehen eine wesentliche
Aufgabe für uns und die Gesellschaft allgemein darin, hier bestehende Ansätze
zu fördern und neue zu entwickeln.
Geistige Kontrollrechte hingegen sollten immer nur dort eingesetzt werden,
wo sie anderen Methoden zur Förderung der Entwicklung von Wissen deutlich überlegen
sind. Ausgangspunkt unserer Analyse ist hierbei, dass wir das Wissen als
gemeinsames Erbe der Menschheit (Hiermit beziehen wir uns ausdrücklich nicht
auf die Verwendung des Begriffes, wie sie im Rahmen der Uno und der CBD üblich
ist.) sehen. Ein Naturrecht auf geistige Kontrollrechte halten wir weder ethisch
noch volkswirtschaftlich für begründbar.
Für den Erhalt dieses gemeinsamen Erbes wollen wir streiten.
Kernthemen der AG
Die AG Wissensallmende möchte eine stärkere Sensibilisierung für die Bedeutung
geistiger Monopolrechte für Nord und Süd schaffen. Wir sehen eine besondere
Aufgabe unserer AG darin, die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Kämpfen
im Bereich geistiger Monopolrechte herzustellen. Bisher arbeiten die Organisationen
und AktivistInnen in den Bereichen Computer/Internet, Biopiraterie, Pharma
und Saatgut nur relativ wenig zusammen.
Hinzu kommt, dass durch die zunehmende Bedeutung von digitalen Technologien,
speziell dem Internet viele neue Probleme entstanden sind. Dazu zählt sowohl
die „Digitale Kluft", die sich nicht nur zwischen reichen und armen Ländern,
sondern auch innerhalb der Gesellschaften stetig weiter verstärkt, als auch
staatliche Zensur- und Repressionsmaßnahmen, die auch in westlichen Ländern
eine zunehmende Gefahr für eine offene Gesellschaft sind. Auch hier besteht
dringend Handlungsbedarf.
Alternativen zum Status quo entwickeln:
In erster Linie möchten wir für eine neue Herangehensweise an das Thema "Geistige
Monopolrechte" streiten. Den Begriff "Geistiges Eigentum" lehnen wir in dieser
Hinsicht ab.
Gerade die digitalen Technologien (und insbesondere das Internet), aber auch
die modernen medizinischen und biologischen Technologien bieten eine einzigartige
Chance, freies Wissen (sowie freie Kunst) für alle zugänglich zu machen. Diese
Möglichkeiten werden jedoch künstlich verknappt. Wir fordern eine freie Kultur
des Teilens und Tauschens, der ungehinderten Kommunikation und informationellen
Selbstbestimmung.
Wir fordern daher:
- eine grundlegende Reform des TRIPS und anderer internationaler Abkommen über
geistige Monopolrechte zugunsten der Bürger (insbesondere in benachteiligten
Ländern)
- eine grundlegende Reform geistiger Monopolrechte zugunsten der Bürger.
Hierbei geht es darum, die Balance zwischen Rechteinhabern und der Allgemeinheit
wieder herzustellen, nicht darum, sie abzuschaffen.
- eine Verbot von Patenten
auf Leben
- eine Demokratisierung der WIPO (World Intellectual Property Organisation)
zugunsten der Interessen der Bürger speziell in weniger entwickelten Ländern.
- eine breitere Unterstützung freier Software durch die öffentliche Hand
- eine
Pauschalabgabe auf Internetzugänge zur Kompensation des Tausches audiovisueller
Medien im Internet (Kulturflatrate) bei gleichzeitiger Legalisierung der Tauschbörsen
im Internet.
- eine aktive Unterstützung der Industrieländer zur Förderung der
Kommunikation in weniger entwickelten Ländern
Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir fordern keineswegs die Abschaffung aller
geistigen Eigentumsrechte. In vielen Bereichen sind sie unverzichtbar um Kreative
fair zu vergüten und um Anreize zu schaffen; so zum Beispiel bei Autoren von
Büchern oder KomponistInnen. Was wir hingegen fordern, ist die Wiederherstellung
einer fairen Balance zwischen Rechteinhabern und der Allgemeinheit.
Alternativen durchsetzen:
Neben Pressemitteilungen und ähnlicher Öffentlichkeitsarbeit besteht dringender
Bildungsbedarf. Hierbei gilt es in Seminaren, Workshops und Vorträgen aber auch
in Publikationen auf den Zusammenhang zwischen unserem Urheberrecht und den
Problematiken von Sortenschutz, Patenten und Wissenszugang in armen Ländern
heraus zu arbeiten und ins Bewusstsein von Bewegung und Bevölkerung zu rufen.
Als geeignetes Mittel erscheint uns z. B. anhand von Beispielen (zurzeit: Softwarepatente
und Kulturflatrate) die weitreichenden Zusammenhänge verständlicher zu machen.
Wir betonen hierbei, dass hier in den nächsten Jahren wichtige Weichen für die
nächsten Jahrzehnte gestellt werden, die über die Eingriffsmöglichkeiten von
Rechteinhabern in unser tägliches Leben auf verschiedensten Ebenen entscheiden
und unsere Zukunft (sowie die unserer Kinder) entscheidend mitprägen werden.
Wir haben in der ersten Jahreshälfte ein grundlegendes Thesenpapier entwickelt,
was für uns seitdem eine wichtige inhaltliche Grundlage unserer Arbeit bildet:
http://www.attac.de/wissensallmende/shareddocs/positionspapier.php
Ein Jahr AG Wissensallmende – unsere bisherige Arbeit:
- Pressemitteilungen zu den Themen:
-Weltgipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS) in Genf -Softwarepatentrichtlinie
der EU -Urheberrechtsrichtlinie der EU -Klagewelle der Musikindustrie gegen
Tauschbörsennutzer -Deutsche Umsetzung der Biopatentrichtlinie -Kulturflatrate
- Artikel zu den Themen Kulturflatrate und zur Frage "Was haben mp3s mit Kaffeebauern
zu tun?" in Medien wie taz und Spiegel
- Bündnisarbeit mit CCC, FFII, Grüne Jugend, Netzwerk Neue Medien (Softwarepatente,
Urheberrechtrichtlinie, WSIS), Buko Biopirateriekampagne (Seminar auf der
Sommerakademie in Dresden, gemeinsame Flyer, Presse und taz-Beilage)
- Antrag auf dem Ratschlag für eine neue Veröffentlichungspolitik von Attac
- Erarbeitung eines Thesenpapiers zu Positionen der AG.
- Seminare und Workshops auf allen größeren Attac-Veranstaltungen
- Erstellung einer gemeinsamen taz-Beilage zusammen mit der BuKo-Biopirateriekampagne.
Erscheinungsdatum: 26.11.04
- Regelmäßige bundesweite Treffen
Arbeitsplanung für die nächsten 12 Monate
Hauptthemen zur Zeit sind die Arbeit im Bündnis "Fairsharing", einem Netzwerk
bestehend unter anderem aus Netzwerk Neue Medien, privatkopie.net, Grüner
Jugend und Wissenschaftlern wie Volker Grassmuck. Für diese Kampagne haben wir
von der Stiftung Bridge 9000 Euro zur Unterstützung bekommen.
Zudem werden wir uns weiterhin dem Thema Softwarepatente widmen, da hier bald
wichtige Entscheidungen anstehen.
Weiterhin sind wir dabei, Kontakt zu regionalen Gruppen herzustellen um das
Thema auch dort ins Bewusstsein zu bringen. Lokale Wissensallmendegruppen gibt
es inzwischen in Berlin und Bochum, in Münster ist eine Gründung geplant. Hinzu
kommen Kontakte zu schon existierenden Attac-Gruppen. Wir arbeiten an einer
Intensivierung der Zusammenarbeit. Auch versuchen wir, den Kontakt lokaler Gruppen
zu anderen politisch verwandten Gruppen (wie etwa dem Chaos Computer Club, dem
FFII, oder verschiedenen Freie Software-Initiativen) zu fördern.
Ein reger Austausch mit dem KoKreis findet vor allem durch Oliver Moldenhauer
statt, der aktives Mitglied der AG ist.
Auf dem evangelischen Kirchentag im nächsten Jahr werden wir zusammen mit dem
EED und der BuKo-Biopirateriekampagne eine Veranstaltung zum Thema geistige
Monopolrechte veranstalten.
In Arbeit sind zurzeit ein Attac-Basistext zu unseren Themen und ein Seminar-Wochenende
in Barsinghausen am 10.-12. Dezember, bei dem wir uns selbst fortbilden und
neue Mitglieder stärker integrieren möchten.
Bei inzwischen ca. 15-20 Aktiven auf Bundesebene sind wir zuversichtlich, dass
wir auch tatsächlich schaffen können, was wir uns vorgenommen haben.
Wir hoffen, dass wir damit unser Anliegen, unsere Thesen und unsere Arbeitsvorhaben
deutlich machen konnten und bitten unsere Anerkennung als bundesweite Attac-AG.
Für die AG Wissensallmende:
Petra Buhr, Dresden
Sebastian Bödeker, Münster
Julian Finn, Karlsruhe
Thomas Kaufhold, Hannover
Oliver Moldenhauer, Berlin
Cristian Pietsch, Saarbrücken
Alexander Rose, Berlin
Benedikt Rubbel, Marburg
Colin Schlüter, Berlin
Timm Zwickel, Marburg
|